Digital EU VAT: Warum die Hoffnung auf eine technische Lösung in Wahrheit ein Ablenkungsmanöver ist

Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass eine einfache technische Lösung der neuen digitalen EU VAT Steuergesetzgebung ein für alle Mal den Schrecken für KMUs nehmen wird. Tatsache ist: Das ist weit und breit nicht in Sicht, immerhin ist die neue EU-Steuergesetzgebung für digital übermittelte Produkte seit fast sechs Monaten geltendes Recht.
In Wahrheit ist die Hoffnung auf technische Lösungen eine Ausrede. Eine Ausrede für Politiker keine Aussetzung des Gesetzes auf den Weg zu bringen, geschweige denn eine Anpassung des Gesetzes an die Bedarfe für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs).

Zudem ist die Diskussion um die erhoffte Softwarelösung pure Ablenkung, weil man weiterhin lieber auf die One-Plugin-Fits-All Lösung warten will, anstatt im Sinne der KMUs zu handeln. Die Technik soll es für allen Beteiligten retten.

Fakt ist: Bereits viel zu viele KMUs und Startups mussten in ganz Europa ihre digitalen Geschäftsfelder auf Eis legen oder gar ihr Unternehmen schließen, da sie keinen Weg finden die Anforderungen der digitalen EU VAT Gesetzgebung zu erfüllen. Hier gehen Existenzen und Arbeitsplätze und Innovationen verloren.

Eine technische Lösung zu finden, die teilweise konform ist gar nicht so schwer – es gibt genügend am Markt. Für manche Unternehmen sind diese ausreichend und absolut hilfreich. Nichtsdestotrotz gibt es bisher keine Softwarelösung, die vollkommen konform mit der EU VAT Gesetzgebung ist und alle sich daraus ergebenden komplexen Herausforderungen lösen kann. Die Rede ist von einer Lösung, die verhältnismäßig und erschwinglich wäre für KMUs und die Anforderungen an Unternehmenstyp, Systemintegration, Shopsystem, Zahlungsabwicklung einerseits und die komplexe Umsetzung des Gesetzes andererseits erfüllt wie z. B. die 81 Umsatzsteuersätze in 28 Ländern zu berücksichtigen; Rechtsvorschriften des Käuferlandes und der Anzeige des jeweiligen Endpreises basierend auf dem Herkunftsland des Kunden anwenden und zusätzlich die Daten liefern, um die Umsatzsteuer über das VAT MOSS Verfahren abzuführen (zwei sich nicht widersprechende Datensätze) und diese 10 Jahre lang sicher zu speichern.

Nachfolgende Wege werden von Onlineunternehmern aktuell genutzt, um die EU VAT Regularien zu handhaben oder zu umgehen:

  1. Geoblocking

    Anhand von Softwarelösungen ist es möglich, Kunden aus EU-Ländern von Onlineangeboten auszugrenzen.

    Nachteil: Verkleinerung der Kundenbasis und Verzicht auf potenzielle Umsätze.

    Perspektive: Geoblocking ist von der EU politisch nicht gewollt und soll im Zuge der Entwicklung zum digitalen Binnenmarkt (Digital Single Market) untersagt werden.

  2. Integration menschlicher Interaktion in digitale Produkte

    Sog. menschliche Interaktion in automatisierte Produkte zu integrieren ist eine Möglichkeit, damit diese formal nicht mehr als digitale Produkte gelten. Dies ist ein gangbarer Weg für z. B. Coaches und Online-Training-Programme. Wichtig: Unbedingt vom Finanzamt bestätigen lassen, da es in manchen Fällen Auslegungssache sein kann.

    Nachteil: Weniger Automatisierung und mehr aktiver Arbeitsanfall, ist jedoch ggf. zu vernachlässigen.

    Perspektive: Was keinesfalls zu vernachlässigen ist, ist die Tatsache, dass dieser doppelte Boden entfallen wird. Die EU hat aktuell durch Komissionsvizepräsident Andrus Ansip angekündigt u. U. bereits ab 2016 das VAT MOSS Verfahren auf alle über das Internet übermittelten Leistungen und Verkäufe auszudehnen, also auch diejenign Leistung mit menschlicher Interaktion, wie z. B. Live-Webinare, Consulting via Skype etc. Dieses in der Branche beliebte Schlupfloch wird über kurz oder lang nicht mehr vorhanden sein.

  3. Verkauf über Drittanbieter (Etsy, Amazon, Digistore24 uvm.)

    Die Nutzung von Drittanbietern scheint auf den ersten Blick eine gangbare Lösung, auch weil es hier Rechtsicherheit gibt, der Drittanbieter haftet. Auf den zweiten Blick gibt es jedoch Folgendes zu berücksichtigen, das jeder Unternehmer für sich bewerten muss.
    Nachteile: Umsatzverlust von bis zu 50% durch Provisionszahlungen und dadurch Einfluss auf die Preisstrategie (manche Anbieter machen Vorgaben, s. Amazon),
    Es beeinflusst bzw. behindert die Beziehung zum Kunden, man hat keinen direkten Kundenkontakt mehr (im Vergleich zum Vertrieb über die eigene Website) und baut sich somit keinen eigenen Kundenstamm auf. Vielmehr verliert man den Kunden an die Plattform. Es schränkt das eigene Marketing ein. Kurzum, man muss sich dem Korsett der Plattform anpassen, was auch Auswirkungen auf AGBs, Rückgabepolicy uvm. im Detail hat.

    Perspektive: An dieser Stelle sei auch vorsichtshalber eine Warnung angebracht. Nicht alle Anbieter sind wirklich konform mit der EU-VAT Steuergesetzgebung, manche versuchen sogar in ihren AGBs das Haftungsrisiko auf den Unternehmer abzuwälzen, obwohl sie als Plattform für das Abführen von digital EU VAT verantwortlich sind. Also, Augen auf bei der Wahl der Plattform!

  4. Zahlungsabwickler (PayPal, Stripe, Digistore24, Taxamo etc.)

    Bisher ist kein Zahlungsabwickler bekannt, der vollkommen konform mit den komplexen Anforderungen an digital EU VAT ist.

    Nachteil: Nicht alle Kunden geben im Verkaufsprozess gerne so viele Daten von sich preis, wie sie für das VAT MOSS-Verfahren notwendig sind. Das führt zwangsläufig zu Verkaufsabbrüchen und Umsatzrückgängen. Um den Anforderungen zu entsprechen, müssen jedoch mindestens zwei sich nicht widersprechende Datenbestandteile erhoben werden, die die Lokalisation des Kunden belegen.

    Hinweis: Auch hier gilt, genau hinsehen und prüfen, ob die angebotene Zahlungsabwicklung das abdeckt, was man für sein eigenes Business in konkreten Fall benötigt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist also noch keine hunderprozentige Lösung am Markt, auch wenn einige damit werben. Bei genauem Hinsehen, gibt es Systemlücken z. B., wie der korrekte Endpreis dem jeweiligen Kunden angezeigt wird und wie die gesetzlichen Vorgaben des jeweiligen Käuferlandes zur Rechnungslegung umgesetzt werden sowie für Fälle, in denen zwei verschieden Steuersätze eines Landes je nach Produktgruppe gehandhabt werden müssen.

    Perspektive Haftungsrisiko: Ganz wichtig an der Stelle, bei fehlerhaften Berechnungen und Abläufen haftet nicht der Zahlungsdienstleister, sondern der Verkäufer. Darin liegt für den Unternehmer das hohe Haftungsrisiko, welches die Nutzung der Anbieter durch die bisher noch unausgereifte Technik unattraktiv macht. Wie gesagt, es mag hier Lösungen geben, die für manche Unternehmer bereits ausreichend sind, je nach Geschäftsmodell, jedoch ist eine eingehende Prüfung geboten.

Es ist wirklich Zeit, den Glauben an eine zukünftige magische technische Softwareentwicklung aufzugeben und den Blick auf das zu richten, was wirklich wichtig ist. Und das ist eine Anpassung der Gesetzgebung für kleine und mittlere Unternehmen, damit nicht weiter täglich KMUs innerhalb und außerhalb der EU ihre Unternehmen schließen und ihre Existenz gefährden, da eine Einhaltung der EU Vorgaben technisch, finanziell und bürokratisch eine unverhältnismäßig hohe Hürde darstellen. Außerdem kommt es ungewollt zu Wettbewerbsnachteilen, da Unternehmen außerhalb der EU die Vorgaben missachten, wohingegen in der EU ansässige Unternehmer ihre im digitalen Markt tätigen Unternehmen schließen. Es kann nicht das Interesse der EU sein, die in Europa ansässigen KMUs in einem globalen digitalen Markt so zu schwächen.

Kurzum, die auf Softwarelösungen fokussierten Ablenkungsmanöver vernebeln den Blick auf das, worum es eigentlich geht. Es geht darum, KMUs von der bürokratischen Last zu befreien. Zum einen durch eine Aussetzung von EU VAT, bis eine Anpassung der Gesetzgebung mit einem Freibetrag entsprechend der vorhandenen EU-Definition für Micro-Businesses (Umsatz < 2 Mio. Euro) erfolgt ist. Zum anderen durch eine Vereinfachung der Regelungen zur Handhabung von VAT MOSS.

Weitere Informationen: www.euvataction.org